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LAIN JACKSON PHOTOGRAPHY

Norwegen September 2017 - Teil 1 Spitzbergen

26.11.2017

Am 8.9. ging es endlich wieder hoch in den Norden, nur diesmal noch ein ganzes Stück weiter, nach Spitzbergen. Das erste Wochenende verbrachten wir auf der Inselgruppe im Nordatlantik, nahe des Nordpols. Spitzbergen wird erst seit 1900 durch das große Kohlevorkommen besiedelt. Spitzbergen war bis ins frühe 20. Jahrhundert Niemandsland. 1920 wurde in Versailles der Spitzbergenvertrag unterschrieben, der Norwegen die volle Souveränität über die Inselgruppe zuerkannte. Heute wird auf Spitzbergen hauptsächlich geforscht, es gilt als größtes Forschungslabor für Arktisforschung.

Seit dem Bau des Flughafens wird Spitzbergen auch für die Touristen immer interessanter, kamen diese vorher doch nur mit dem Schiff dorthin. Allerdings kann man auf der Insel nicht wirklich viel alleine unternehmen, es sei denn man hat einen Waffenschein und zieht mit einem schweren Kaliber auf eigene Faust los. Es wird dringend davon abgeraten unbewaffnet die Stadt Longyearbyen zu verlassen, denn auf Spitzbergen leben rund 3500 Eisbären. Zwar sind sie hauptsächlich im Norden der Insel anzutreffen, jedoch werden häufig Eisbären in Stadtnähe gesichtet und es gab bereits tödliche Begegnungen mit arglosen Wanderern. Ich wollte auch unbedingt einen Eisbären sehen, unser Guide Philipp, mit dem wir am zweiten Tag unterwegs waren, riet mir aber davon ab. "Du willst hier draußen keinen Eisbären sehen."

In der Zeit wo wir dort waren, wurde eine Mutter mit ihrem Jungen gesichtet und vom Sysselmann mit dem Hubschrauber vertrieben. Der Sysselmann ist auf Spitzbergen der Polizeichef, Hilfsrichter und Inhaber anderer offizieller Funktionen. Er ist der Repräsentant der norwegischen Regierung.

Eisbären dürfen vom Menschen nicht angelockt werden und nur im äußersten Notfall getötet werden. Bei einer Begegnung muss der Bär mit allen Mitteln vertrieben werden, erst wenn das nicht funktioniert und das eigene Leben bedroht ist, darf er getötet werden. Leichter gesagt als getan, so ein ausgewachsener Eisbär kann ein paar ungeübte Schüsse durchaus einstecken. Ohne Erfahrung und Schusssicherheit sollte niemand alleine dort auf Erkundungstour gehen.

Nach 2 ruhigen Flügen sind wir mitten in der Nacht in Longyearbyen gelandet. Während des Fluges konnten wir die Nordlichter tanzen sehen. Ich hatte sie bereits einmal aus dem Flugzeug beobachten können, aber diesmal war es viel intensiver und länger. Wirklich magisch, durch Nordlichter zu fliegen ist wirklich was ganz besonderes. Die Kabinenbeleuchtung wurde glücklicherweise ausgeschaltet und wir konnten draußen alles besser beobachten.

Uns sind sogar ein paar Fotos halbwegs geglückt. Alles andere als einfach aus dem Flugzeug!! Am Flughafen angekommen gab es auch gleich die erste Eisbärenbegegnung. Wenn auch nicht mehr lebendig. Die ersten beiden Fotos sind noch aus Oslo.

Der Shuttlebus brachte uns vom Flughafen zum Svalbard Hotel. Das Hotel war wirklich gut, nur leider ging in unserem Zimmer das Licht nicht aus... Wir hatten bereits halbwegs ausgepackt, geduscht und wollten schlafen, es war um 2 denke ich. Die Dame aus dem Hotel konnte uns lediglich ein anderes Zimmer anbieten. Nur hatte ich gar keine Lust mehr alles wieder zusammen zu suchen und umzuziehen. Ich habe mir mein Stirnband um die Augen gewickelt und konnte dann schlafen. Männer sind ja da nicht so empfindlich... :D

Nach einem guten Frühstück ging es los zur ersten Tagestour. "Catch of the Day", eine Bootstour mit einem wirklich schnellen Boot. Ein kleiner Bus holte uns vom Hotel ab, unsere Truppe war klein und überschaubar. Die Guides waren wirklich nett und lustig. Nach dem verlassen des Hafens gab der Kapitän Gas. Die See war ruhig, am Himmel hingen tiefe Wolken und mit 60 km/h ging es über den Nordatlantik. Ich bin noch nie so schnell Boot gefahren. Wenn ich das hier schreibe, muss ich wieder an das tolle Gefühl denken. Während der Fahrt durften wir auf die kleine Fläche raustreten am Ende des Bootes. Der Wind rauschte um einen herum, das schummerige Licht durch die Wolken, die Landschaft, es war einfach toll. Ich klammerte mich an dem kleinen Rettungsboot am Ende des Schiffes fest, während wir über das Wasser flogen. 60km/h klingt nicht viel, im Auto zum einschlafen langsam, aber auf dem Wasser ist das ein ganz anderes Gefühl. 80km/h hätte er fahren können, nur dann hätte unser Sprit nicht für die Rückfahrt gereicht, denn wir haben ordentlich Strecke gemacht.

Beim "Catch of the Day" wird mitgenommen, was die Natur an diesem Tag zu bieten hat. Eisbären haben wir leider nicht gesehen, aber verschiedene Seevögel, unter anderem auch Puffins. Wir hielten bei zwei Gletschern, die Eisschollen polterten gegen das Boot. Es gab Champagner, heiße Suppe, Tee und als Höhepunkt (für mich...) Schokokuchen. Der Guide meinte, er isst alles was übrig bleibt an Kuchen wenn er alleine ist. Er hat auch niemanden nach einem zweiten Stück gefragt und ich weiß ganz genau, dass noch Kuchen da war!

Ich hätte es fast vergessen, an einer Stelle haben wir Rentiere an Land gesehen. Vielleicht könnt ihr eins auf dem nächsten Foto finden.

Das Spitzbergen-Ren hat kurze, starke Beine und einen relativ kleinen, gedrungenen Körper. Sie sind kleiner und leichter als ihre Verwandten auf den Kontinenten. Es frisst sich eine extrem dicke Fettschicht an und kann harte Winter von bis zu neun Monaten überdauern. Wenn die Rentiere allerdings im Winter durch gefrorenen Regen unter dem Schnee nicht an die Nahrung gelangen, kann in solchen Wintern die Population um bis zu 80% schrumpfen. Etwa 10.000 Rentiere leben auf Spitzbergen.

Der Eisbär ist nicht wirklich eine Gefahr für das Ren. Ein Eisbär geht sehr sparsam mit seinen Reserven um. Wenn ein ausgehungerter Eisbär ein Ren jagen würde, könnte das seinen Tod bedeuten. Rentiere sind einfach viel schneller. Der Kapitän hatte einmal eine solche Jagd vom Wasser aus beobachten können. Die Rentiere waren so schnell geflüchtet, dass sie schon wieder anhalten konnten um sich nach dem Eisbären umzuschauen, welcher bereits weit zurück lag.

Das ist auch einer der Gründe, warum der Sysselman sehr vorsichtig beim Vertreiben der Eisbären sein muss. Gerade bei einer Mutter mit Jungem, zu viel Stress könnte die Mutter töten.

Auf der Rückfahrt wurde die See ein wenig welliger, der Kapitän gab ordentlich Gas und wir flogen über die Wellen und landeten jedes Mal mit einem großen Platsch im Wasser. Das war ein Spaß. Irgendwann wurde es wieder ruhiger, die asiatische Familie schlief komplett ein. Ich auch...

Auch wenn wir keine Wale, oder gar Eisbären gesehen haben, war die Tour super. Alleine die Fahrt war ein Erlebnis!

Am Nachmittag sind wir noch ein wenig auf eigene Faust los, soweit es eben möglich ist ohne Waffe. Wir sind einige Fotospots abgelaufen. Longyearbyen gewinnt sicher keinen Schönheitspreis. Es muss funktional sein, Im "Garten" wird alles da abgestellt wo es gerade passt. Praktisch eben.

Wir gingen den alten Versorgungsweg entlang, neben den alten Bergwerksgondeln. Eine davon weihnachtlich bemalt.

Die Kirche in Longyearbyen, die Svalbard Kirke, ist die nördlichste Kirche der Welt. Die Kirche ist immer offen, auch um 3 Uhr morgens. Wer einfach nur am Kamin sitzen möchte um ein Buch zu lesen, kann das gerne tun. Das ist Tradition in den Seemannskirchen in Norwegen.

Zum Abschluss des Tages ging es ins Kroa essen. Es war wirklich sehr gut und für norwegische Verhältnisse preiswert.

Ich könnte noch so viel mehr über Spitzbergen schreiben. Eine wirklich faszinierende Gegend. Aber vielleicht habe ich ja schon euer Interesse geweckt und ihr lest euch selber mal durch verschiedene Seiten.

Allerdings hoffe ich nicht, dass Spitzbergen zu Island 2.0 mutiert (anderes Thema, wir waren zum Glück vor ein paar Jahren bereits da und nun reizt es uns gar nicht mehr).

Dürfte hoffentlich zu kalt für den Durchschnittstouristen sein. Philipp erzählte uns, wie schlimm es teilweise zugeht, wenn die Kreuzfahrtschiffe anlegen und die Massen zum Landgang in die Stadt strömen. Die Besucher benehmen sich teilweise so dreist, gehen in fremder Leute Häuser, so nach dem Motto die ganze Stadt ist ein Museum.

Klar wir sind in dem Moment auch Touristen. Nur kennt ihr das nicht auch? Wir wollen im Urlaub keine anderen Touristen sehen, mir ist schon klar, dass das nicht geht. Aber schön wäre es trotzdem. ;)

Aber wir haben meistens immer Glück und sind relativ alleine. Nebensaison sei Dank.

Am nächsten Tag hatte wir unsere tolle Wanderung mit Philipp von Polardogs Svalbard. Einfach mal googeln und eine Tour buchen. Ein Erlebnis, was man nicht vergisst.

Im Winter würde ich auch gerne nochmal hin und eine richtige Schlittenhunde-Tour machen. :D

Philipp holte uns halb 10 von unserem Hotel ab. Mit seinem alten Jeep, in dem schon der riesige Plüschteddy Uminmak wartete, ging es zum Startpunkt der Wanderung. Uminmak ist natürlich kein Teddy sondern ein Alaskan Malamute, einer von Philipps Schlittenhunden, mit denen er im Winter Schlittentouren anbietet. Uminmak bedeutet übersetzt aus der Sprache der Inuit Moschusochse.

Nach einer kurzen Fahrt (es gibt ja nicht viele Straßen...) stiegen wir aus, probierten die Eisspikes für unsere Schuhe an und es ging los. Nach sehr wenigen Metern richtigem Weg, ging es über Geröll und kleine Bäche. Wanderwege gibt es dort nicht. Ein Mann folgte uns, offensichtlich unbewaffnet. Philipp gab ihm mit ziemlich klaren Worten zu verstehen, dass er umkehren soll. Es kommt gar nicht so selten vor, dass sich Touristen an bewaffnete Gruppen anschließen, bzw. es versuchen. So eine Tour kostet nämlich Geld. ;)

Philipp zeigte uns ein paar Steine, auf denen wir zuerst nichts ungewöhnliches entdecken konnten. In den Steinen, die noch mit Raureif überzogen waren, waren die Abdrücke von Laubblättern zu erkennen. Und es gab einige Steine, die so aussahen. Wenn man bedenkt, dass es auf Spitzbergen heute keine Bäume mehr gibt, ist das schon faszinierend.

Wusstet ihr, dass es auf Spitzbergen einen weltweiten Saatgut-Tresor gibt? Er dient zur langfristigen Einlagerung von Saatgut zum Schutz der Arten- und Varietäten-Diversität von Nutzpflanzen. Dort werden Samen der 21 wichtigsten Nutzpflanzen wie Reis, Mais, Weizen, Kartoffeln, Äpfel, Maniok, Wasserbrotwurzel oder Kokosnuss aufbewahrt. Der Tresor ist nur für die sichere Verwahrung von Kopien von Saatgut gedacht. Die Samen werden bei -18°C gekühlt gelagert, fällt die Kühlung aus, sorgt der Permafrostboden dafür, dass die Temperatur nicht über -3,5°C steigt. Rund 55 Jahren hält sich so das Saatgut, alte Samen werden regelmäßig ersetzt. Ich hatte vorher noch nie etwas davon gehört. Dabei ist es eigentlich nur logisch, dass wir irgendwo derartige Reserven haben müssen. Wenn ihr nach einer Apokalypse die einzigen Überlebenden seid, wisst ihr nun wo ihr Saatgut findet. ;)

Weiter geht es mit der Wanderung. Zusammen mit Uminmak ging es zum Gletscher. Spikes an die Schuhe geschnallt und los. Das war das erste Mal für uns auf einem Gletscher. Es läuft sich wirklich gut mit den Eiskrallen.

Es ging übrigens bis jetzt immer Bergauf. Uminmak langweilte sich sichtlich, wir waren einfach zu langsam. Während wir den Berg hinauf schnauften (also Philipp nicht) lag der Plüschteddy einfach in der Sonne. Die Landschaft ist wirklich wunderschön, wenn man so wie wir auf karge, nordische und epische Landschaften steht! Wenn ich mir dann während der Wanderung vorgestellt habe, wo ich eigentlich gerade bin, dann war das schon ziemlich cool.

Angekommen auf dem Gipfel des Berges, jetzt muss ich überlegen, er war über 800m hoch, machten wir Rast. Es gab Brot, Käse, Wurst, Tee und Kekse. Und natürlich eine grandiose Aussicht. Uminmak machte ein Schläfchen.

Anschließend ging es auf dem Rücken des Berges weiter, nicht mehr so beschwerlich bergauf. Wir hielten immer wieder an um Fotos zu machen. Uminmak nahm einen kleinen Snack an einem Rentierkadaver.

Über ein riesiges Geröllfeld ging es leicht bergab. Laufen, laufen, laufen und dabei nicht stolpern. Ich bin nicht wirklich gut im über Geröll laufen, knicke schnell um und bin ein Tollpatsch, das ganze wird bergab noch schlimmer.

Ein letztes Mal ging es bergauf, über einen Grat wo der Wind ordentlich blies. Philipp amüsierte sich über meinen Ausdruck "stürmt ja ganz schön hier". Das war dort oben eher ein laues Lüftchen. Wir hatten an dem Tag wirklich tolles Wetter, es war meistens Windstill und um die 7°C. Zum Glück nicht wärmer, sonst wären wir bei dem Sonnenschein zerflossen. Ich weiß, dass versteht wahrscheinlich wieder kaum jemand. ;)

Noch eine letzte Eintragung in ein Bergbuch. Dort kann sich jeder eintragen, der den Gipfel erreicht hat. Wir hatten bei dieser Wanderung drei Gipfel, 18 Kilometer und insgesamt über 1000 Höhenmeter zurückgelegt. Beim letzten Eintrag waren meine Finger schon so steif vom kalten Wind und unsere Namen kann wahrscheinlich niemand mehr lesen. Es ging ein letztes Mal bergab, über Geröll und dann noch richtig steil. Ich weiß nicht wie Philipp das gemacht hat, zusammen mit Uminmak, der jetzt wieder an der Leine war und ziemlich zog. Der war überhaupt nicht ausgelastet nach 8 Stunden wandern und noch voller Energie. Ein echter Arbeitshund eben.

Ich habe mir jedenfalls nichts gebrochen und bin nach gefühlten 10 Stunden Abstieg auch unten angekommen. Ihr glaubt nicht, was das anschließend für ein Gefühl ist, wieder auf festem glatten Boden zu laufen, OHNE Steine. Das ist wie schweben, wenn die Beine nicht so schwer wären. ;)

Zu Fuß ging es zurück zu unserem Hotel, Uminmak zog fröhlich an der Leine nach dem Motto "Geht's jetzt endlich los??". Danke Philipp für diesen wundervollen Tag! Den werde ich nie vergessen. Sich einen Tag wie ein Abenteurer in freier, unberührter Natur fühlen. Alleine in dieser kargen Landschaft so hoch im Norden. Klingt vielleicht ein wenig übertrieben. Aber so eine Wanderung auf Spitzbergen kommt der Sache schon sehr sehr nahe!

Auf der Karte seht ihr einen Teil unserer Route, die schwarze Linie.

An diesem Abend ging es für uns nur noch ins Kroa essen, duschen und ins Bett!

Am Montag haben wir noch ein paar Souvenirs gekauft, Sachen gepackt und sind mit dem Taxi zum Flughafen gefahren. Hatten den einsamsten und schnellsten Security-Check der Welt mit gut gelauntem Personal. Kann das nicht immer so schnell gehen?

Mit einer tollen Aussicht von oben ging es mit dem Flugzeug zurück nach Tromsö. Vielleicht sehen wir uns irgendwann wieder Svalbard! Es war fantastisch bei dir hier oben!

Unser Urlaub war danach allerdings noch nicht zu Ende, es ging für weitere 2 Wochen durch den Norden Norwegens. Davon gibt es aber später mehr.